Von links nach rechts: Martina Navratilova, Mary Robinson (ehemalige UN Hochkommissarin für Menschenrechte, Institute for Human Rights and Business), Greg Vines (Stv. Generaldirektor International Labour Organization), Don Fehr (Präsident Uni World Athletes), Anita DeFrantz (Vorstandsmitglied Internationales Olympisches Comité), David Grevemberg (Vorstandsvorsitzender Commonwealth Games Federation).

Nosso Jogo beim Sporting Chance Forum on Sport Mega Events and Human Rights

Am 13. und 14. Oktober fand in Washington D.C. eine hochrangige Konferenz zum Thema Sportgroßereignisse und Menschenrechte statt. Erstmals kamen alle entscheidenden und Verantwortung tragenden Akteure zusammen, um über Herausforderungen und Chancen zu sprechen.
Ein Bericht von Martin Kainz

Foto, von links nach rechts:
Martina Navratilova, Mary Robinson (ehemalige UN Hochkommissarin für Menschenrechte, Institute for Human Rights and Business), Greg Vines (Stv. Generaldirektor International Labour Organization), Don Fehr (Präsident Uni World Athletes), Anita DeFrantz (Vorstandsmitglied Internationales Olympisches Comité), David Grevemberg (Vorstandsvorsitzender Commonwealth Games Federation)

Bereits im November des letzten Jahres gab es ein richtungsweisendes Treffen in Glion (Schweiz) mit dem Ziel, alle relevanten Stakeholder_innen zum Einhalten von Menschenrechten im Rahmen von Sportgroßereignissen an einen Tisch zu bringen. Nun, bei der Folgeveranstaltung in Washington, organisiert vom Institute for Human Rights and Business (IHRB, Sitz in London), unterstützt von den Außenministerien der Vereinigten Staaten und der Schweiz, ist dies erstmals gelungen. Neben Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften nahmen Verbände (FIFA, IOC, Commonwealth Games Federation CGF), lokale Organisationskomitees (Rio de Janeiro, Tokio) genauso teil wie Sponsor_innen (Coca Cola, adidas), TV-Stationen (British Telecom) und aktive sowie ehemalige Sportler_innen.

Durch das Programm leitete Mary Robinson, ehemals UN Hochkommissarin für Menschenrechte und  irische Staatspräsidentin, nunmehr Vorsitzende des IHRB. Inhaltlich ging es um die Verantwortung der genannten Akteur_innen sowie um die Handlungsoptionen von betroffenen Personen(gruppen) und Sportler_innen. Von allen Teilnehmer_innen geteilt wurde die Ansicht, dass es sich bei Menschenrechte um eine geteilte Verantwortung handelt. Der Staat ist dafür verantwortlich, Menschenrechte aktiv zu schützen, Verbände, Unternehmen, TV-Stationen etc. sind zumindest dafür verantwortlich, Menschenrechte zu respektieren und einzuhalten.

Zu Wort kamen dabei auch Testimonials wie Martina Navratilova, die seit vielen Jahren um die Gleichstellung von Männern und Frauen sowie für Antihomophobie eintritt, als auch Bilqis Abdul-Qaadir, eine US-Basketballerin, die ob eines Hijab-Verbots des int. Basketballverbandes bereits seit zwei Jahren am Ausüben ihres Sports gehindert wird.

Ziel der Veranstaltung war es, einen Dialog zwischen allen Beteiligten zu ermöglichen, das Themenfeld inhaltlich abzustecken sowie ein Kompetenzzentrum, eine unabhängige Plattform anzudenken, die Verbänden, Unternehmen und Organisationskomitees beratend zur Seite steht.

Inhaltlich angelehnt waren die Diskussionen an die UN Guiding Principles for Business and Human Rights (UNGPs), die UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, verfasst vom Harvard-Professor und gebürtigen Grazer John Ruggie, der mit seinem Team seit 2015 auch der FIFA beratend zur Seite steht. Bei den Leitprinzipien geht es schlichtweg darum, Unternehmen bei Menschenrechtsverletzungen, auch wenn sie in deren Güterkette geschehen, zur Verantwortung zu ziehen sowie Strukturen und Maßnahmen zu implementieren, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, wenn sie doch geschehen, zu lindern bzw. zu kompensieren (= menschenrechtliche Sorgfaltspflicht); unter die UNGPs fallen aber nicht nur Unternehmen, sondern lt. OSCE-Spruch auch Vereine wie die FIFA und das IOC, so sie wie Unternehmen (z.B. gewinnorientiert) agieren.

Während die FIFA bereits erste Maßnahmen in Gang setzte, dabei auch eng mit Shift, einer NGO zur Umsetzung der UNGPs, zusammenarbeitet, zeigt sich das IOC zwar bereit für Gespräche, ob sich die Thematik der Menschenrechte bereits in den Host-City-Vertrag für die im Juli 2017 zu vergebenden Olympischen Spielen 2024 wiederfinden, darf zumindest erhofft, wohl aber auch bezweifelt werden. Hier weiterhin Druck aufzubauen, überzeugend einzuwirken bzw. tatkräftig zur Seite zu stehen ist für Menschenrechtsorganisationen, für internationale Gewerkschaften und supranationale Gemeinschaften jedenfalls weiterhin oberste Prämisse.

Für ein weiteres Novum bei der Konferenz sorgten die brasilianischen Aktivist_innen Ana Paula da Silva sowie Maria da Penha, die mit der Unterstützung von Nosso Jogo bereits bei einem „side event“ im Rahmen des UN-Menschenrechtsrates in Genf eingeladen waren und nun auch in Washington sprachen. Im Rahmen eines sehr bewegenden Panels berichteten Sie aus erster Hand von ihren Erfahrungen mit Polizeigewalt (Ana Paula da Silvas Sohn wurde erschossen) und Zwangsumsiedlung (Maria da Penha ist Bewohnerin der über lange Jahre bedrohten, schließlich großteils umgesiedelten Vila Autódromo neben dem nunmehrigen Olympischen Park) in Rio de Janeiro.

Im ersten Halbjahr 2017 wird das nächste Zusammentreffen in dem Rahmen der eben zu Ende gegangenen Konferenz abgehalten werden, in der Schweiz. Bis dahin wird inhaltlich weiter an den jeweiligen menschenrechtlichen Herausforderungen – das Implementieren von UN/ILO-Mechanismen, die Etablierung einer Sorgfaltspflicht, Korruption und Anti-Diskriminierung – gearbeitet werden, um letztlich zu sehen, ob ein unabhängiges Kompetenzzentrum tatsächlich zielführend ist, oder aber andere Strategien wie etwa eine inhaltliche Plattform oder eine Expert_innen-Gruppe zusammengesetzt aus verschiedenen Institutionen, besser geeignet ist, um mit Verbänden, mit Unternehmen und Organisationskomitees möglichst nahe, unterstützend und Maßnahmen begleitend zur Seite zu stehen.

Bis dahin darf mit Spannung darauf gewartet werden, wie und ob von Seiten der FIFA oder dem IOC bereits erste Maßnahmen in Richtung einer gelebten Kultur der Menschenrechte in Kraft treten oder ob es weiterhin bei Lippenbekenntnissen und Gutem Willen zeigen bleibt. Der Host-City-Vertrag des IOC für die Spiele 2024 sollen nach eigener Aussage mit Dezember 2016 veröffentlicht werden.