Foto_Thiago Mendes, Instituto Pacs

“Nehmt Geld von Olympia und investiert es in meine Schule!”

28. Juli 2016 – Bericht von Thiago Mendes – Rio de Janeiro macht gerade eine schwere Finanzkrise durch, Dramatische Kürzungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Sozialhilfe sind die Folge. Doch in den Schulen formiert sich der Widerstand.

Kurz vor Eröffnung der Olympischen Sommerspiele gibt es eine landesweite Welle der Unzufriedenheit mit der  neuen Regierung des Interimspräsidenten Michel Temer. Und auch die Regierung des Bundesstaats Rio de Janeiro gerät zunehmend unter Druck.

Aus den öffentlichen Krankenhäusern im Bundesstaat Rio gibt es täglich neue Meldungen über das Fehlen von Geldern, Geräten und Basisausstattungen. Die öffentlichen Bediensteten und  pensionierte Angestellte warten noch immer ihr Gehalt.

Die bundesstaatlichen Schulen und Universitäten in Rio sind seit März 2016 geschlossen. Aber statt Mathe oder Portugiesisch geben sich die Schüler/innen und Studierenden in Rio de Janeiro selbst Unterricht im Aufbau und der Organisation von Widerstand.

Foto_Thiago Mendes, PacsDutzende öffentliche Schulen im Großraum Rio von Schüler/innen wurden besetzt. In Rio wurde das Amt für Bildung besetzt. Viele Schüler/innen verbringen die Tage in den Schulen, obwohl es seit März keinen offiziellen Unterricht gibt. In verschiedenste Arbeitsgruppen unterteilt, kochen sie, schlafen in den Schulen, organisieren kulturelle Aktivitäten, Debatten oder Events auf der Straße, um die Bevölkerung zu sensibilisieren, die die Schüler/innen und Student/innen mit Geld- und Sachspenden unterstützt. Nicht einmal das Einstellen der Schülerfreifahrten konnte die Besetzungsbewegung demobilisieren.

Die 16-jährige Maria Eduarda Cunha aus der Schule “Amaro Cavalcanti” erklärt, dass viele Schüler/innen zu den Vorträgen und Filmvorführungen kommen würden. Dort werden auch vermeintliche Tabu-Themen jenseits des Lehrplans diskutiert: Gender, Sexualität, Drogen. Alles in informellen Gesprächen von Jugendlichen für Jugendliche.

“Wir sehen, dass die Stadt nicht Gesundheit, Bildung oder Arbeit im Auge hat. Die Priorität ist es, Rio für Tourist/innen fein heraus zu putzen. Aber die Leute die hier leben und arbeiten? Hier in der Schule gibt es keine Klimaanlage, kein Trinkwasser. Die wenigen öffentlichen Schulen, die es gibt, sind heiß und dreckig. Das ist für mich respektlos. Und eine Schande für die Stadtregierung, die das alles verstecken will. Die Leute, die jetzt nach Rio kommen, sehen ein Theater, doch hinter den Kulissen leiden echte Menschen“, fasst Maria Eduarda zusammen.

Finanzkrise für wen?

Die Regierung des Bundesstaats Rio gibt zwar einerseits zu, kein Geld für Schulen zu haben. Andererseits beschloss die selbe Regierung in den letzten Jahren Steuerbefreiungen für Unternehmen in der Höhe von 138 Milliarden Reais (ca. 50 Milliarden Euro; Zeitraum 2008-2013).

Straßenblockaden in Rio

Um auf die prekären Situationen in den Schulen hinzuweisen, kam es im Mai 2016 zu einigen Straßenblockaden von Schüler/innen. Im Zentrum von Rio, am „Largo do Machado” war auch Professorin Lenir Jane von der Schule “Amaro Cavalcanti” mit dabei. Sie unterstützt die Bewegung der Schüler/innen und betont, dass es eine alte Strategie der Regierung sei, Schulen zuerst immer mehr verkommen zu lassen, um sie später privatisieren zu können.

„Ich finde es gut, dass sie auf die Straße gehen, denn wenn sie nur in den Schulen sind, bekommt keiner mit, was da gerade passiert. Die Schüler/innen lernen gerade sehr viel über das echte Leben!“

Auch die pensionierte Schulleiterin Edi Jaci de Oliveira unterstützt die Jugendlichen, sich für ihre Rechte einzusetzen: „Es gibt keine Demokratie, wenn es keine Bildung gibt. Bildung ist der Grundstein von allem. Ohne Bildung hast du nichts, kein Bewusstsein, keine Ahnung, wohin es gehen soll. Das darf man den jungen Menschen nicht nehmen!“

Ganz im Gegensatz zur aktuellen Politik müsse die Bildung Priorität im Bundesbudget bekommen: „Man muss klare Prioritäten setzen. Auch ich liebe Sport, aber nach diesem Theater mit der Fußball-WM haben wir genug davon. Das Volk leidet, die Leute sind am Ende. Wie kann das sein? Wir dürfen das nicht zulassen! Bildung muss oberste Priorität haben!”

Der Journalist Thiago Mendes ist für die Dreikönigsaktion in Rio de Janeiro tätig und berichtet regelmäßig aus Rio.